Iris Rodriguez

Journalistin & Texterin

Liberace

Redaktionelles - People
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Copy: Iris Rodriguez

Mehr King als Elvis.

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Schon sein Name klang wie eine einzige Attitüde: Vladiziu Valentino Liberace. Seine Auftritte waren spektakulär, sein Leben eine große perfekte Inszenierung, seine Homosexualität ein offenes Geheimnis. Wie konnte Liberace im bigotten, konservativen Amerika der 50er, 60er und 70er Jahre so ein Star werden? Das Leben von 'Mr. Showmanship' besteht weniger aus Fragen als aus einer Vielzahl von schrillen und mitunter verzweifelten Antworte.

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Bis zu fünfzig Kilogramm schwere Kostüme, übersät mit Pailletten und Kristallen, die Hände voll großer, hochkarätiger Klunker - an jedem Finger einen. Dazu ein niemals versiegendes Lächeln, ein liebevoll auf dem Flügel platzierter Kandelaber -Liberaces Shows waren spektakuläre Kostümbälle in Samt ,Seide und Fell, Pomp, Pracht und Schmalz. Wenn er in seinen blauen, roten oder weißen Capes mit meterlanger Schleppe auftrat, hatten ganze Pelztierherden ihr musikalisches Opfer gebracht. 1963 in Las Vegas fuhr er mit einem 50.000 Dollar teuren Rolls Royce Phantom V auf die Bühne. Für spätere Auftritte ließ er einen VWKäfer mit einer Rolls-Royce-Kühlerhaube entwerfen. Und dann hob er am Ende seiner Show einfach ab: an Drähten hochgegezogen, flog er mit weit ausgebreiteten Armen und walllendem Umhang lachend von der Bühne.

Seine Karriere war ein beispielloses Experiment, das hätte schief gehen können: er spielte Tschaikowsky für die Massen und verkleidete sich in einer Art, dass es tuntiger schon nicht mehr ging. Ein schriller Widerspruch, doch das Experiment gelang, weil Liberace sich immer treu blieb. Er verleugnete zeitlebens seine Homosexualität - konsequent, vehement und so selbstbewußt, dass er alle Unsicherheiten seiner Fans im Keim erstickte. Und sollte doch mal etwas an die Öffentlichkeit gedrungen sein, so hatte Liberace einen Haufen guter Anwälte, die die Zweifler zum Stillhalten verklagten.
Zu Beginn seiner großen Karriere in den 50er Jahren verkörperte er für seine überwiegend älteren und weiblichen Anhänger den idealen Sohn oder Schwiegersohn: mit guten Manieren, gepflegter Erscheinung, einem ausgeprägten Familiensinn und einer tiefen Bindung zu seiner Mutter, mit der er sich gerne und häufig in der Öffentlichkeit zeigte. Die Presse verhöhnte ihn, bezeichnete ihn als Weichling und Muttersöhnchen. Seine Fans jedoch liebten ihn gerade dafür. In seinen seit 1952 ausgestrahlten Liberace-Shows spielte er Piano im Schein des Kandelabers - 'to create a space of dignity' wie er selbst erklärt hatte.
Die breite Masse der Amerikaner hatte bis dahin wenig Zugang zur Klassik gehabt, und nun machte ein junger Mann jedem, der einen Fernseher besaß, die hohe Kultur der klassischen Musik leicht zugänglich. Mit seiner Persönlichkeit und seinem gewinnenden Lächeln brachte Wladziu Valentino Liberace Licht in jeden Raum und schenkte den Menschen etwas, was sie bis dahin in ihrem grauen Alltag zu wenig hatten: Freude.
Seine Popularität war sensationell: bereits1955 hatte er 162 Fanclubs, er erhielt pro Woche zehntausend Briefe, zum Valentinstag 1954 waren es sogar 27.000. Die Liberace-Show schlug alle Einschaltrekorde und während der dreijährigen Laufzeit hatten sie 30 Millionen Menschen weltweit am Bildschirm verfolgt.
Mit Anfang 30 hatte 'Lee' soviel Geld verdient, dass er als bestverdienender Showman ins Guinessbuch der Rekorde einging. Aber auch hier wagte er etwas bis dahin nicht Dagewesenes: Er ließ die Menschen an seinem Reichtum teilhaben, zeigte ihnen, wie viel Spaß es ihm machte, reich zu sein. Durch die Einblicke in sein Leben und seine Häuser befriedigte der 'candelabra boy' die voyeuristischen Triebe der Menschen und stillte ihre Sehnsucht nach Schönheit und Ruhm, Glamour, Glitter. Unzählige Bilder zeigen Liberace in seinen dekadenten Kristall- und Marmorplalästen, wo er es schaffte, alle Grenzen des guten Geschmacks weit hinter sich zu lassen. In den 70ern öffnete er zum Leidwesen der Nachbarschaft sogar Touristengruppen die Türen, die staunend durch die Räume stiefelten.

Beruflich lief es - bis auf wenige schlechte Jahre Anfang der 60er - perfekt. Aber privat sah das anders aus. Liberace steckte unglaubliche Energie und Kraft in seine lebenslange Lüge, nicht schwul zu sein, und schuf sich ein Doppelleben, das für ihn zum Gefängnis wurde. Jeder einzelne seiner Schritte musste wohl überlegt sein, nie durfte er die Fäden aus der hand legen, denn überall lauerte die Presse, gierig darauf, ihn mit einem Mann inflagranti zu erwischen. Journalisten verhöhnten ihn und gingen nie zimperlich mit ihm um - und er nicht mit ihnen. Liberace führte zahlreiche Prozesse aufgrund von Schlagzeilen wie 'Don’t call him Mister', 'Why Liberaces song should be `mad about the boys`' oder 'Liberation of Liberace’s Libido'. Er gewann sie alle. Sein aufsehenerregendster Fall war 1956 die Klage gegen den Daily Mirror. In dem Artikel stand: 'Liberace is the pinnacle of masculine, feminine and neuter.'. Auch diesen Prozess, in dessen Verlauf er unter Eid aussagte, nicht homosexuell zu sein, gewann er.Seine Angst, an Popularität zu verlieren, war größer als der Wunsch, nicht mehr unter ständigem Verdacht zu stehen. Denn Homosexualität war zur damaligen Zeit ein viel größeres Tabu als heute. Als sich schließlich in den 70er Jahren in Amerika das Klima langsam veränderte und Homosexuelle mehr toleriert wurden, hatte Liberace bereits zu lange gelogen. Sollte er je ein Coming Out in Betacht gezogen haben, war es dann mit Sicherheit zu spät. Nach über 20 Jahren hätte er als Betrüger dagestanden, der die Öffentlichkeit getäuscht und die, die ihn lieben, bewusst hinter’s Licht geführt hat.
Ein anderer, sehr entscheidender Grund für die Verleugnung seiner Homosexualität war in seiner Seele verankert: Liberace war zutiefst katholisch. Sein Glaube muss ihn schon als Jugendlicher ihn tiefe Konflikte gestürzt haben, denn obwohl er seine sexuelle Neigung früh erkannte, schien es ihm unmöglich, sie auszuleben. Die katholische Kirche akzeptierte und akzeptiert keine gleichgeschlechtliche Liebe. Wie tief sein Glaube war, kommt auch in zwei Audienzen zum ausdruck, um die er dringend gebeten hatte: eine Audienz 1954 beim Erzbischof von Boston, und eine zweite 1956 bei Papst Pius dem XII, die Liberace selbst als Höhepunkt in seinem Leben bezeichnet hat.

Bis zu seinem Tod hielt er alle Fäden fest in der Hand. Der große Entertainer manipulierte Journalisten und Nachrichtenleute genauso eifrig wie er es mit seinen Fans und Anhängern tat. Er inszenierte sich und seine Welt und war sein bester PR-Berater. Für seine Pressemappen hatte er immer wieder neue Ideen, mit denen er die Reporter fütterte: ob es Geschichten rund um seine sagenhaft teuren Flügel waren, oder seine Kochkünste, die er in einer seiner 7 Küchen vorführte. Ob er von seiner 'Angewohnheit' plauderte, seine Hände vor dem Spiel über Wasser dampf zu entspannen oder in seinem Pool in Pianoform schwimmen ging - er sorgte stets dafür, dass die Aufmerksamkeit nicht abnahm. Er machte aus Public Relations Private Relations und seine Häuser wurden untrennbarer Teil seiner Persönlichkeit. Ob Bäder, Wannen, oder Toiletten - alles war Teil des öffentlichen Glamours. Aber auch das Image des Familienmenschen sicherte ihm die Liebe seiner weiblichen Fans.

Wladziu Valentino Liberace war der Archetyp für obszönen Reichtum, das Lächeln einer ganzen Frauengeneration. Liberace war Amerikas spektakulärster Star.

Seine Auftritte waren legendär. An so berühmten Orten wie der Carnegie Hall, Hollywood Bowl, London Palladium oder dem Madison Square Garden war er zuhause und noch kurz vor seinem Tod - er starb am 4. Februar 1987 im alter von 67 Jahren an AIDS , gelang es ihm, die New Yorker Radio City Music Hall mit ihren sechstausend Plätzen zwanzigmal hintereinander zu füllen. Eine Leistung, die sogar Zuschauerrekorde eines Bruce Springsteen verblassen lassen.

Seine Musik wurde von seinen Fans sicherlich gemocht - schließlich war Liberace ein brillanter Techniker am Piano und verkaufte jährlich Millionen von Platten, aber lieber noch wollten sie ihn sehen, schmachteten nach neuen Überraschungen und Clous, mit denen er sie immer wieder von den Stühlen riß.

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